Er ist einer der erfolgreichsten Blogger Deutschlands, der sich zudem weltweit einen Namen gemacht hat: Philipp Lenssen, der Betreiber von blogoscoped.com. In seinem Blog beschäftigt sich Lenssen seit Jahren um den Suchmaschinen-Giganten Google. Wir haben mit ihm über den Wettstreit zwischen Google und Microsoft gesprochen.
Google will ein Betriebssystem anbieten – Microsoft will an die Spitze der Suchmaschinen mit Bing – ist das eine neue Qualität im Kampf der beiden Konzerne?
Lenssen: Ja, irgendwie schon. Beide Firmen nähern sich so langsam aneinander an und konkurrieren immer mehr. Microsoft versucht schon seit Jahren mit einer Suchmaschine punkten. Mit Bing haben sie nun einen neuen Namen für ein altes Ding – mit ein paar Verbesserungen. Und Google hat für nächstes Jahr ein Betriebssystem angekündigt. Das wird interessant.
Es ist ja auch eine Frage des Timings: Nach dem Microsoft Bing in den Beta-Test geschickt hat, hat es nicht einmal einen Monat gedauert, bis Google das Betriebssystem vorstellte, obwohl es ja auch in einem Monat kommt – wer präsentiert denn seine Produkte besser?
Lenssen: Das ist schwer zu sagen. Google hat jahrelang ein bisschen Vorschussvertrauen genossen und sie haben auch in ihren Anfangsjahren wenig angekündigt. Da wurde Gmail mehr oder weniger als Aprilscherz veröffentlicht und dann stellt sich heraus, dass da ein echtes Produkt herausgekommen ist. Microsoft hat im Gegenzug dann was angekündigt und dann immer erst später, oder mit Verzögerung herausgebracht. In den vergangenen Monaten nähert sich dieses Gebahren aneinander an: Auch Google kündigt jetzt ein Jahr im Voraus neue Produkte an. Das macht die Entwicklung bei Google nicht mehr ganz so spannend.
Worum geht es Google mit einem eigenen Betriebssystem wirklich?
Lenssen: Sie wollen einen weiteren Teil der Vertriebskette zum Endbenutzer abdecken. Weil jeder Teil – also von der Webapplikation bis hin zum Internetprovider über die Hardware, den Browser und über das Betriebssystem – all das sind Elemente, die man kontrollieren sollte, wenn man den Vertriebskanal komplett kontrollieren möchte. Und alles, was Google auf diesem Weg nicht gehört, ist für den Konkurrenten eine Möglichkeit, Google auszuschalten. Man hat das in den Neunzigern bei Netscape gesehen – die hatten einen tollen Browser, aber der Browser liegt auf dem Betriebssystem und da hat sich Microsoft mal eben eingeschaltet und über die Kontrolle über das Betriebssystems den Konkurrenzbrowser weggekickt.
Kann Microsofts neue Suche Bing der Google-Suche gefährlich werden?
Lenssen: Bing ist zumindest besser als die Vorgänger-Version, die Microsoft Live hieß. Aber sie ist meiner Meinung nach immer noch einen Tick schlechter als Google. Ich würde sagen, Bing ist ein gutes Werkzeug im Werkzeugkasten und um den geht es jetzt viel mehr. Denn wenn ich auf der Microsoft-Schiene fahre, dann kann ich jetzt Bing als meine Suche benutzen. Ich muss jetzt nicht mehr unbedingt zu Google. Aber als einzelnes Element, also wenn ich nur die Suchen vergleiche, würde ich immer noch Google benutzen. Aber am Ende ist es nicht mehr so entscheidend, was die bessere Suche ist, sondern wer das bessere Gesamtpaket hat. Und dazu gehört ein Betriebssystem, die Suche und die Webapplikation.
Aus Kundensicht kann man das ja von zwei Seiten her betrachten: Dieser Wettkampf könnte für uns gut sein, weil Konkurrenz das Geschäft belebt oder es könnte schlecht sein, weil wir dann später alles aus der Hand eines Konzerns haben und dann gar nicht so wirklich wissen, was mit unseren Daten passiet. Wie bewerten Sie diesen Konflikt aus der Sicht der Nutzer?
Lenssen: Grundsätzlich kann man seine Daten ja auf zwei Arten speichern: auf dem eigenen Computer oder in der Cloud, also auf dem Server von Google in den USA. Wenn mein Computer abstürzt oder ich einen Wasserschaden habe, sind die Daten weg – oder ich habe Backups gemacht. Im anderen Fall werden die Daten in den USA dreifach gebackupt und wenn dann irgendwas passiert, kaufe ich mir einfach einen neuen Rechner und komme wieder an meine Daten. Das ist sicherlich ein Vorteil. Der Nachteil ist aber, dass beispielsweise eine Regierung sehr einfache Mittel hat, mit einer Gerichtsvorlage zu der Firma zu gehen, um dort die E-Mails von Peter Müller aus dem Jahr 2007 einzusehen. Und dann werden die entweder mit Wissen des Nutzers oder ohne an die Regierung weitergeleitet.
Wer gewinnt den Machtkampf zwischen Microsoft und Google?
Lenssen: Das muss man beobachten. Beide sind sehr interessant aufgestellt und sie kämpfen ja nicht nur gegeneinander, sondern zum Teil auch gegen Gesetze. Die Anti-Monopolgesetze haben ja Microsoft Ende der Neunziger stark geschadet haben. Man kann jetzt nicht nur sagen: Microsoft hat jetzt auch eine Suchmaschine und das ist jetzt ihre Waffe im Arsenal. Man muss auch sagen, dass es Waffengesetze gibt. Es kann also sein, dass eine Regierung Microsoft verbieten wird, dieses oder jenes Produkt herauszubringen, weil sonst einfach zu viel Macht erhält. Google wird es genauso gehen. Unendliches Wachstum wird nicht möglich sein, ohne mit ähnlichen Problematiken konfrontiert zu werden. Jetzt haben sie ein Betriebssystem, sie haben einen Browser auf dem Betriebssystem und sie verfügen über die Websoftware und schließlich die Nutzerdaten im Hintergrund auf ihrem Server. Und wenn der Marktanteil wächst, dann kann auch Google in eine Monopolstellung geraten. In diesem Fall kämpfen die beiden Firmen nicht mehr gegeneinander, sondern dann kann es auch ein Kampf Google gegen den Staat USA sein.