
Julian Assange ist eine schillernde Figur. Selbst wenn der Wikileaks-Gründer per Videoleitung aus einem britischen Wohnzimmer spricht, da er dort mit Fußfessel an das Anwesen gebunden ist, lauschen ihm gebannt, still und aufmerksam mehrere Hundert Neugierige, akzeptierend, dass sie weder Film- noch Audioaufnahmen von seinem Vortrag machen dürfen. So geschehen in dieser Woche auf der Berliner Medienwoche am Rande der Internationalen Funkausstellung. Am Ende bleibt die Frage: Kann der Whistleblower-Plattform noch getraut werden?
Der Feind in unseren Portmanees
Ich könnte jetzt meinen Notizblock durcharbeiten und erklären, welches Verständnis Assange von Begriffen wie Freiheit und Geheimnissen hat. Doch das würde nicht die Situation beschreiben, die sich den Zuschauern bot. Zwar gab er seinen Zuhörern Dinge mit auf den Weg, über die es sich nachzudenken lohnt. Warum die Art wie Organsiationen oder Regierungen auf Wikileaks reagieren etwas über deren Stärke sagt. Wer wirkliche Macht habe, könne schweigen, will Assange beobachtet haben und weist uns darauf hin, dass so gut wie jeder von uns Werkzeuge der amerikanischen Regierung in der eigenen Tasche mit sich trägt. Mastercard, Visa & Paypal und Co ermöglichen es ihren Kunden nicht für Wikileaks zu spenden – wohl aber dem Kukuksklan. Interessant ist aber viel mehr Assanges Show hinter der Show.
Retten, was zu retten ist
Angesprochen auf den jüngsten Wikileaks-Skandal, weist Assange sämtliche Schuld von seiner Organisation. Es geht um die ungeschwärzte Veröffentlichung von 250.000 US-Botschafts-Depeschen. So sind die Identitäten der Informanten jetzt an die Öffentlichkeit gelangt. Hintergründe können Sie auf Spiegel Online nachlesen — denken Sie aber daran, dass der Spiegel bisher mit Wikileaks zusammengearbeit hat und so seine Version der Geschichte präsentiert.
Assange deutet diesen Fall so, dass seine (Ex-)Partner die Schuld an diesem Datenleck tragen, sodass Wikileaks gezwungen wurde die gesamten Dokumente ungefiltert zu veröffentlichen. Immer die anderen. Diese Argumentationsweise ist nicht neu für Assange. Die Fehler sind bei den anderen zu suchen und wer nicht in seinem Sinne handelt, handelt falsch. Trotzdem wird der Fall zu einem Problem für Wikileaks: Wer wird der Plattform jetzt noch geheime Informationen anvertrauen, wenn der eigene Schutz nicht garantiert ist?
Das Problem sieht auch Assange. Immer und immer wieder betont er, wie fehlerfrei Wikileaks doch sei. In den letzten Jahren habe Wikileaks keine Falschinformationen veröffentlicht, es sei weder ein Informant von Wikileaks veröffentlicht worden, noch sei jemand physisch zu schaden gekommen.
Von den Fakten mag Assange recht haben, denn streng genommen sind nur die Informanten der US-Botschafter veröffentlicht worden und nicht die Personen, die die Depeschen an Wikileaks übermittelt haben — aber das ist am Ende Wortklauberei.
Mögen Assanges Ideen noch so ehrenhaft sein, sein Glaube an die eigene Unfehlbarkeit macht skeptisch. Vielleicht gehört das aber auch zur Strategie, um Wikileaks wieder auf Kurs zu bringen. Immerhin soll es in Kürze eine weitere Veröffentlichung geben, die den europäischen und amerikanischen Raum betrifft, aber nichts mit den US-Depeschen zu tun hat. Außerdem werden gerade keine Informationen angenommen, da die internen und technischen Abläufe neu aufgebaut werden.
Ob das am Ende aber reicht? Davon konnte Assange bei seinem Vortrag in Berlin am Ende nicht jeden überzeugen.
(Im Nachhinein hat N24 die Freigabe bekommen, das Video von Assanges Vortrag zu veröffentlichen.)




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