Seit einiger Zeit ist der Fitnesshype zurückgekehrt. Allerdings braucht man dazu sein Wohnzimmer nicht verlassen, sondern kann direkt vor der Kiste Sport machen – Konsolen wie die Wii machen es möglich. Boxen, Radrennen, Tennis – alles ist möglich. Allerdings hat der Münsteraner Sportprofessor Klaus Völker jetzt herausgefunden, dass die Wii gar nicht so fit macht, wie sie uns glauben machen mag. In unserer letzten Sendung stand er Franziska Bluhm und Daniel Fiene Rede und Antwort.
Bluhm: Herr Völker, Sie bringen mein komplettes Fitnessprogramm durcheinander. Das, was ich da mache, bringt gar nichts? Das überrascht mich aber!
Völker: Es bringt mehr, als wenn Sie nur da sitzen und zwei Finger bewegen und ein bisschen mehr als die Fernbedienung beim Fernsehapparat, aber wir dürfen eigentlich nicht davon reden, dass das Sport ist.
Fiene: Bevor wir uns die Ergebnisse genauer anschauen, erklären Sie uns doch bitte einmal, was Sie bei Ihrer Untersuchung gemacht haben – also wie viel Schweiß fließen musste, bevor das Ergebnis fest stand?
Völker: Wir haben uns einfach die Frage gestellt: Es wird hier mit dem Begriff Sport geworben und dann wollten wir natürlich mal sehen, ob wirklich das, was bei den Spielen herauskommt, in irgendeiner Weise an den Sport herankommt. Dazu haben wir jeweils 20 weibliche und männliche Novizen, also Neuanfänger, die mit der Wii gespielt haben, gewonnen. Dann haben wir versucht zu schauen, welche Spiele sind denn wirklich interessant, bei welchen Spielen können wir überhaupt nennenswerte Reaktionen des Kreislaufsystems und Stoffwechsels erwarten. Dann haben wir diese Spiele herausgegriffen und diese 15 Minuten lang spielen lassen und dabei dann Parameter wie die Herzfrequenz, das subjektive Belastungsempfinden und auch die Milchsäurekonzentration gemessen, um eben Einblick in die Belastungsstruktur zu bekommen.
Bluhm: Was zeigt denn das Ergebnis: Wie viel weniger fit sind denn die Konsolensportler als ihre normalen Kollegen?
Völker: Das kann man ja nicht beantworten. Ich kann ja nur beantworten, in wie weit diese Belastung geeignet ist, als Trainingsreiz wirksam zu werden. Die Fitness wird damit ja nicht gemessen, sondern Sie erzeugen damit einen Trainingsreiz. Wir wissen aber, wie hoch ein Trainingsreiz sein sollte, damit da ein bisschen was rauskommt, damit Effekte beim Herz-Kreislauf-System und im Bereich des Stoffwechsels überhaupt erwartet werden können. Und da kam eben heraus, dass solche Spiele wie Tennis zum Beispiel zwar die Herzfrequenz minimal hochgehen lassen – um zehn bis 15 Schläge, bei den Frauen etwas höher als bei den Männern. Aber: Was die Belastung des Stoffwechsels betrifft, ist das mit der Ruhesituation vergleichbar.
Bluhm: Aber Sie wissen gar nicht, wie viel Muskelkater ich hatte, als ich da eine Dreiviertelstunde Sportprogramm gemacht habe und ganz viel auf der Stelle gelaufen bin. Ich war richtig fertig! Und das zählt nicht?
Völker: Es zählt schon. Aber Sie müssen ja immer sehen, zum Beispiel beim Tennis spielen, wenn Sie ein normales Tennismatch nehmen, dann haben wir Herzfrequenzen in der Größenordnung zwischen 170 und 180 und wir haben Milchsäurekonzentrationen, die liegen bei drei bis fünf etwa. Und hier war die Milchsäurekonzentration gleich dem Ruhewert und die Herzfrequenz ist um 20 Schläge angestiegen. Wenn Sie einen aufregenden Krimi gucken, dann geht die Herzfrequenz genauso hoch. Das dürfen Sie ja auch nicht als Training verkaufen. Lediglich beim Boxen, da war auch die Zeit, die geboxt wurde, einigermaßen vertretbar. Das heißt also: Von den 15 Minuten war etwa 50 Prozent wirklich Bewegung. Die anderen 50 Prozent war Pause oder eben Rundenzeiten oder das Aufstehen von Niederschlag. Und da war dann eben die Herzfrequenz in etwa bei 140 und die Milchsäurekonzentration ist ein bisschen hoch gegangen. Aber auch da sind wir weit von dem entfernt, was beim normalen Boxen ist. Beim Boxen hat man eine Herzfrequenz von 170 oder 180 und eine Milchsäurekonzentration von vier bis fünf und das wurde bei weitem nicht erreicht. Der Begriff Sport ist also mehr Schein als Sein.
Fiene: Ist es denn irgendwie bedenklich, wenn ich mich an der Wii richtig verausgabe? Oder würden sie sagen, man muss sich nur bewusst sein: richtigen Sport ersetzt es nicht?
Völker: Den letzten Satz würde ich gerne unterschreiben. Ich will auch gar nicht gegen die Wii argumentieren. Es ist ein Spiel. Und als Spiel hat es hohen Motivationscharakter und es ist ein bisschen mehr, als nur zu sitzen und zwei Finger zu bewegen wie bei vielen anderen Konsolenspielen. Also das ist schon ein Fortschritt. Nur ich darf nicht die Illusion haben, ich könnte den normalen Sport damit ersetzen. Das sollte man einfach klar machen. Wenn dadurch allerdings Zeit absorbiert wird, dann finde ich das bedenklich. Das ist so eine Tendenz, die man bei Kindern beobachten kann, dass es natürlich manchmal viel attraktiver ist, mit der Wii zu spielen als draußen einen Ball zu nehmen und Basketball oder Fußball zu spielen. Wenn man das nur virtuell im Wohnzimmer macht, dann finde ich das bedenklich. Als Alternative oder Ergänzung finde ich das okay, aber es sollte nicht den anderen Sport ersetzen.



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