Warum Google von der neuen Facebook-Suche profitieren wird

Facebook will eine eigene Suchmaschine anbieten. Mit dieser Meldung wartete gestern Abend Firmengründer Mark Zuckerberg bei einer Präsentation an der US-Westküste auf. Zwar ist diese Suchmaschine bisher nicht viel mehr als eine Ankündigung, die Idee ist aber trotzdem spannend. Facebook könnte so transparenter werden.

Der Social-Graph wird durchsuchbarer

Immer wenn wir auf einer Webseite, unter einem Foto, einem besuchten Ort oder einer Marke „gefällt mir“ drücken, dann werden Facebooks Listen um einen Strich erweitert. Hinter jedem Strich stecken zudem noch weitere Daten: Ist die Person, die diesen Strich hinterlassen hat, mit mir befreundet? Wie alt ist diese Person? Woher ist sie geboren worden? Wo lebt sie heute? Ist diese Information nur für die Person selbst, für ihren Freundeskreis oder für alle sichtbar? Dieses Beziehungsgeflecht nennt sich Social Graph und wird in Zukunft durchsuchbarer.

In Zukunft soll es neben dem Nachrichtenstrom (Newsfeed) und der Chronik (Timeline) also auch eine Suchmaschine geben (Graph Search). Ich kann also Daten abfragen, die meine Umwelt bewegen: Welcher meine Freunde mag auch das kleine Café um der Ecke? Welche Kinofilme empfehlen gerade meine Freunde? Welche Orte in Berlin sind gerade in meinem Umfeld angesagt? Wo sollte ich heute Abend essen gehen? Auf all‘ diese Fragen will die neue Facebook-Suche dank der umfangreichen Strichlisten und der dahinter liegenden Verknüpfungen eine Antwort haben. Daten, die sowieso schon vorliegen, werden zugänglicher.

Eine Chance für den Datenschutz — ein Problem für kleinere Webdienste

Einige Technik-Journalisten schreiben jetzt schon vorsorglich Datenschutz-Sorgen herbei, ohne die Suchmaschine selbst angefasst zu haben. Datenschutz-Sorgen kann man natürlich haben, man kann die neue Suche aber auch als Chance wahrnehmen.

Wenn die neue Facebook-Suche das hält, was uns Mark Zuckerberg und seine Kollegen versprochen haben, haben wir einen viel besseren Zugriff auf die Inhalte, die wir irgendwann einmal in das System eingegeben haben. Wenn Dinge über uns auftauchen, die uns nicht gefallen, dann können wir das beeinflussen. Wir können unsere Privatsphäre-Einstellungen verändern oder den „gefällt mir“-Klick rückgängig machen.

Bisher haben wir vielleicht vergessen, dass wir irgendwann bei irgendeiner Webseite oder irgendeinem Produkt auf „gefällt mir“ geklickt haben. Freunde oder Fremde haben dies bisher dann zufällig sehen können, wenn sie sich mit der gleichen Sache auseinander gesetzt haben. Mit der Suche wird der Zugriff auf die Daten im Social Graph aber einfacher und somit wird Facebook ein bisschen transparenter.

Facebook will ebenfalls Suchergebnisse von Microsofts Suchmaschine Bing anbieten, wenn die Inhalte des eigenen Social Graphs erschöpft sind. Das wirkt auf dem ersten Blick wie ein Schlag gegen Google. Wenn Google sich jetzt aber klug anstellt, kann Google von diesem neuen Facebook-Standbein aber am Ende profitieren. Das Nachsehen haben kleinere Web-Angebote.

Kleinere Anbieter wie Qype, Yelp oder Foursquare werden mit der neuen Facebook-Suche stärker zu kämpfen haben. Sie liefern schon heute die Antworten auf die Fragen, welche die Facebook-Suche beantworten möchte. Am Ende kann aber Facebook durch den Social Graph für die Nutzer viel relevantere Ergebnisse liefern. Wenn ich ein Café in meiner Umgebung suche, zeigt mir Qype die Bewertungen an. Facebook sortiert aber nach den Bewertungen meiner Freunde. Klar, welches Ergebnis die Nutzer spannender finden. Durch die Masse der Daten wird Facebook aber auch das schon sehr soziale Foursquare links überholen können. Wenn Web-Giganten neue Funktionen einführen, schadet dies meistens den kleinen Anbietern. Schade.

Google wird von der neuen Facebook-Suche profitieren

Warum wird Google aber am Ende vielleicht profitieren können? Hier sehe ich zwei Hauptgründe. Google hat im letzten Jahr bereits eine persönliche Suche angekündigt, die bisher bei uns noch nicht im vollen Umfang ausgerollt wurde und in den Köpfen der Menschen schon gar nicht angekommen ist. Wenn ich eingeloggt bin, kann Google die Suchergebnisse um meine sozialen Aktivitäten bei G+, GMAIL, YouTube & Co, ergänzen. Wenn ich nach „meinen Reisen“ suche, werden die Tickets aus meinem GMAIL-Postfach gleich mit angezeigt. Das ist noch Zukunftsmusik. Bisher werden Webseiten, die von meinen G+-Freunden geteilt wurden, höher in den Suchergebnissen gerankt. Wenn Facebook den Graph Search allen zur Verfügung stellt, werden sich die Nutzer schneller an die persönliche Suche gewöhnen und diese auch schätzen lernen. Google wird dieser Fortschritt ermutigen, die eigene Suchmaschine auf das nächste Level zu heben. Wenn viele Menschen bei Google die persönliche Suche der allgemeinen Suche vorziehen, wird dies auch eine Herausforderung für die unsägliche SEO-Szene sein.

Der zweite Grund liegt in der Konkurrenz. Google braucht Konkurrenz. Gerade in Europa. Google kann man nicht vorwerfen, dass wir in Deutschland zu mehr als 90 Prozent die Suchmaschine freiwillig nutzen (in den USA sind es gerade mal etwas mehr als 60%) — trotzdem hat Google ein Verfahren der EU vor sich, welches die Marktbeherrschende Stellung der Suchmaschine unter die Lupe nimmt. In den USA haben die Kartellwächter bereits bestätigt, dass Google seine Macht nicht missbrauche, um eigene Produkte in den Suchergebnissen besser zu positionieren, als die der Konkurrenz. Die EU ist da anderer Meinung und will das in den kommenden Monaten klären. Wenn viele Nutzer anfangen, für bestimmte Such-Fälle auf Facebook statt auf Google zu setzen, dann könnte dies Google bei einem möglichen Verfahren in die Karten spielen.

Die verrückte Welt der Ankündigungen

Leider hat es sich bei dieser Präsentation aber wieder nur um eine Ankündigung gehandelt. Wenn wir uns mit den möglichen Auswirkungen der neuen großen Funktion bei Facebook beschäftigen, dann können wir nur betonen, dass es alles Spekulation ist.

Fairerweise muss ich darauf hinweisen, dass ich noch keine Chance hatte, die Suche auch tatsächlich zu testen. Die Gelegenheit hatten nur wenige Neugierige (meist) aus den USA. Die Wartelisten sind lang und vorerst sollen nur Nutzer mit einer englischen Oberfläche nach und nach freigeschaltet werden. Vielleicht ist die Idee in der Umsetzung eine logische Vollkatastrophe wie die alte Facebook-Idee Beacon. Vielleicht ist sie ein Datenschutzflop wie bei dem alten Google-Dienst Buzz. Wir wissen es nicht.

Die verrückte Welt der Ankündigungen hat auch in diesem Fall wieder komische Blüten getrieben. Nein, Facebook wird nicht zur Suchmaschine. Nein, Facebook tritt den Datenschutz nicht mit Füßen (zumindest nicht schlimmer als sonst) und nein, ob die Suche ein Erfolg wird oder nicht, das können wir auch noch nicht sagen. Alles andere wäre unseriös.

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