Laut der neuen Studie “Verloren im Netz” glauben 7 von 10 Jugendlichen, dass das Internet süchtig machen kann. Jeder Fünfte hat schon Suchtanzeichen bei sich oder bei Freunden entdeckt. Was das bedeutet, erklärt uns der Macher der Studie, Axel Dammler vom Institut Iconkids & Youth.
Herr Dammler, wie internetsüchtig sind denn die Jugendlichen?
Dammler: Es ist noch nicht so schlimm wie viele befürchten, aber man merkt halt schon, dass es ein Bedrohungspotential gibt bei Jugendlichen, das einfach durch die neuen Angebote immer größer wird.
Wenn ich jetzt acht Stunden online bin, muss ich mir dann schon Sorgen machen, dass ich süchtig bin?
Dammler: Also wenn ich mich die ganze Zeit auf den Bildschirm konzentriere, dann ja. Wenn ich nebenher noch viele andere Dinge tue – und das ist ja bei Jugendlichen meist der Fall, dann ist das etwas anderes. Man muss sich das in der Praxis so vorstellen: Die kommen von der Schule nach Hause, schalten den Computer an, der läuft die ganze Zeit und dann wird ferngesehen, da werden Hausarbeiten gemacht, da wird telefoniert – und die ganze Zeit ist man online. Das hat noch nichts mit Sucht zu tun. Sucht fängt in dem Moment an, wo man sich massiv auf den Computer konzentriert und alles andere ausblendet, was auch noch Lebensinhalt wäre.
Beim Thema Sucht geht man ja normalerweise immer davon aus, dass man nicht betroffen ist – eher dass man Leute kennt, die betroffen sind. Vielleicht gibt es die sogar im Freundeskreis, mehr aber auch nicht. Wie gehen denn Jugendliche damit um, wenn Sie die mit dem Thema Internetsucht konfrontieren?
Dammler: Zum einen ist den Jugendlichen sehr bewusst, dass das Thema relevant ist. Wir haben das in einer Studie gefragt und 70 Prozent der Jugendlichen erkennen selbst, dass Internet süchtig machen kann. Wir haben auch bei der Selbsteinschätzung gefragt, ob man sich selbst als süchtig bezeichnet. Drei Prozent sehen sich selbst als süchtig und zwölf Prozent sehen bei sich selbst die Tendenz – also insgesamt 15 Prozent, die sich selbst eigentlich von Internetsucht bedroht sehen.
Wo geht’s denn hin? Wird die Jugend immer onlinesüchtiger, je mehr Internet es gibt – man kann es ja ständig dabei haben mit den Handys und Ähnlichem?
Dammler: Ich denke schon, dass es mehr wird. Und zwar weniger durch das Thema Handy, weil ich da ja unterwegs bin und zwangsläufig mit anderen Leuten in Kontakt komme, die mich auf andere Gedanken bringen. Viel gravierender werden die Dinge sein, die wir in den nächsten Jahren im Bereich der Community-Plattform erleben werden. Derzeit ist es ja so, dass diese Oberflächen sehr statisch und langweilig sind und eigentlich nur von dem leben, was die User an Bildern und Inhalten reinstellen. Doch wenn man sich anschaut, was bei Second Life schon passiert war, wo ich tolle 3-D-Welten hatte, durch die ich mich bewegen kann. Wenn also die Welt an sich, die Plattform an sich spannend und interessant wird, dann bekommt das eine ganz andere Sogkraft – in der Form, wie wir es heute vor allem bei den Online-Rollenspielen wie beispielsweise World of Warcraft sehen.
Was heißt es denn genau, wenn ich süchtig bin? Was ist die gefährlichste Nebenwirkung der Onlinesucht?
Dammler: Letztendlich haben Sie da die gleichen negativen Resultate, die Sie bei jeder anderen Sucht auch haben – nämlich Auswirkungen auf jeden anderen Lebensbereich. Es geht auf die Sozialkontakte, es geht auf die Fokussierung, die Aufgaben, die man sich stellen muss, das Gehen zur Schule, das Erledigen von Hausaufgaben bei Jugendlichen. Bei Berufstätigen geht’s bis hin zum Abbrechen und der Kündigung von der Arbeitsstelle – die Auswirkungen sind da mannigfaltig.
Ich kann mir aber vorstellen, dass viele junge Menschen das anders sehen und sagen: Wenn sie online sind, dann treten sie in Kontakt mit ihren ganzen Freunden aus der Schule oder mit Leuten, die sie sowieso schon kennen. Es gibt ja auch Studien, die sagen, dass Leute, die sich in sozialen Netzwerken bewegen, eigentlich keine Eigenbrötler sind, sondern eigentlich als kommunikativer gelten.
Dammler: Das ist richtig. Der Punkt ist ja, dass wir derzeit den Großteil der Jugendlichen in keiner Weise als von einer Sucht gefährdet halten müssen, weil sie einfach im Internet nur ihre Sozialbeziehungen der Realität fortführen. Gefährlich wird es in dem Moment, wenn das, was im Internet stattfindet, die Realität eben nicht mehr abbildet. Wir haben das vor allem bei den Online-Rollenspielern derzeit – das bekannteste Beispiel ist das schon genannte World of Warcraft – wo ich in eine komplett anderen Welt mit einer komplett anderen Persönlichkeit abtauche. Das hat dann mit dem realen Leben nichts mehr zu tun und da holen sich dann insbesondere junge Männer und männliche Jugendliche die Befriedigung und Selbstbestätigung, die sie im Alltag nicht erfahren. Entsprechend groß ist die Suchtwirkung. Wenn ein SchülerVZ oder StudiVZ auf einmal zu einer so spannenden Welt wird und einem die Möglichkeit bietet, aus dem vielleicht unbefriedigenden Alltag auszubrechen und anders zu werden, dann setzt auch da die Suchtgefahr ein. Das wird kommen in den nächsten ein, zwei, drei Jahren.
Die Frage klingt vielleicht ein bisschen blöd, aber was kann man selbst dafür tun, um da wieder rauszukommen?
Dammler: Wenn man selbst in dieser Spirale drin hängt, ist es extrem schwierig. Es geht ja damit los, überhaupt erst einmal zu erkennen, dass man da ein Problem hat. Das ist ja bei vielen Süchtigen der Fall – ob das jetzt Magersucht ist oder Alkoholsucht – die Selbsterkenntnis ist schon sehr schwer. Wenn man da aber schon mal ist, dann braucht man letztendlich therapeutische Hilfe. Das ist wieder bei jeder anderen Sucht auch: Kaum jemand hat die Kraft, sich ohne professionelle Hilfe daraus zu befreien.
Gibt es andere Punkte, die Eltern unternehmen könnten, wenn sie beobachten, dass ihr Kind zu viel vor der Kiste sitzt und sie nicht genau wissen, was es da macht?
Dammler: Es gibt sicherlich Alarmsignale, auf die die Eltern achten können. Das erste ist ganz einfach das: Kommt der oder die Jugendliche im Alltag mit anderen Jugendlichen zusammen? Solange man sieht, dass sie am Wochenende ausgehen, sich am Nachmittag mit Freunden treffen, im Verein sind – solange braucht man sich keine Sorgen machen, wenn der Computer den ganzen Nachmittag läuft. Wenn man aber merkt, dass die Tür immer öfters zu bleibt, keine Leute mehr anrufen, keine anderen Lebensinhalte mehr eine Rolle spielen, eine Fokussierung auf das Internet stattfindet – dann sind das die Alarmsignale, wo man schon mal nachfragen muss, was sie eigentlich die ganze Zeit da machen und sich gegebenenfalls auch mal zeigen lassen muss, was sie tun.
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