Interview mit Markus Beckedahl
Für die “Sendung mit dem Internet” haben wir mit Markus Beckedahl über den aktuellen Wahlkampf im Internet gesprochen. Er schreibt das deutschlandweit erfolgreichste Blog netzpolitik.org. Hier das Interview in leicht geglätteter und gekürzter Form.

Herr Beckedahl, die deutschen Politiker haben Barack Obama für seinen Internetwahlkampf bewundert. Haben Sie von ihm für ihren eigenen Wahlkampf gelernt?
Wenn man sich die Bemühungen der Politiker und Parteien mal anschaut sieht man, dass sie lediglich die Verpackung übernommen haben. Und dann mussten sie irgendwann feststellen, dass sie weder das Image eines Barack Obama haben, noch das Internet überhaupt richtig einsetzen können.
Der Generalsekretär der SPD, Hubertus Heil, hat ja im vergangenen Jahr für Furore gesorgt, weil er als einer der ersten von einer Veranstaltung der Demokraten getwittert hat. Zu Recht?
Zu Recht denke ich nicht. Er hat Twitter genutzt um ein paar Statements zu verschicken – seitdem nutzt er es ab und zu auch im Wahlkampf. Das ist allerdings alles ein wenig unbeständig und die meisten seiner Aussagen finde ich relativ langweilig und belanglos.
Twitter, Facebook und Co. sind ja Begriffe, die vor ein paar Jahren noch garnicht aktuell waren. Nutzen sie die Politker ihrer Meinung nach, weil sie “hip” sind, oder gibt es auch Ansätze wo man sagen kann: sie setzen diese Plattformen sinnvoll ein?
Das kann man leider nicht so verallgemeinern. Es gibt Politiker die die Plattformen sinnvoll einsetzen, der Großteil setzt es aber wohl eher ein, weil man sie einsetzen muss. In jedem Wahlkampf gibt es trendige Web-Werkzeuge: Im letzten Bundestagswahlkampf brauchte jeder coole und moderne Politiker 2 Monate vor der Wahl sein eigenes Webblog, Die ganz coolen hatten dann auch noch einen Podcast. In diesem Wahlkampf gehört es eben dazu, dass jeder Politiker, der modern sein möchte, ab und zu twittert, Profile auf MeinVZ und Facebook hat und auch noch ab und zu über YouTube im Internet spricht.
Wo liegt da der Mehrwert für die Wähler?
Das ist die große, spannende Frage. Daran zeigt sich natürlich auch das fehlende Interesse der Wähler, weil diese Angebote nämlich gar nicht so gut angenommen werden. Man muss sich auf YouTube nur mal die Kanäle der einzelnen Parteien anschauen. Jede Partei hat da mittlerweile ihren eigenen “Fernsehsender” und in der Regel werden diese Videos nicht so häufig angeklickt.
Liegt das am Wähler oder an der Qualität dieser Videos?
Das liegt vor allen Dingen daran, dass die Videos so langweilig und schlecht sind, dass sie nicht wirklich eine Zielgruppe treffen. Bei YouTube ist es sogar so, dass es wenn Politiker dort sprechen noch langweiliger ist, als würden sie es im Fernsehn tun.
Welche Schulnote würden Sie den Politikern für den aktuellen Wahlkampf im Internet geben?
Man kann das Ganze auch nicht verallgemeinern: es gibt junge, bzw. dem Internet sehr aufgeschlossene Politiker die das ganz gut machen und der große Rest macht das eben nicht so gut.
Zu den guten Leuten: wo gibt es Lichtblicke?
Bei den Grünen fallen mir da immer Volker Beck oder Reinhard Bütikofer ein, bei den Sozialdemokraten Björn Böhning. Dann gibt es noch die Spitzen der Jugendorganisation, die es in der Regel auch nicht schlecht machen. Es sind insgesamt eher die jungen Politiker, die das Internet schon früher in ihr Leben integriert haben, die es in der Regel selbst bedienen können und dann eine bessere Note bekommen würden als ältere Politiker, die das von ihrem Büro erledigen lassen.
Heißt das, dass unsere Politiker für einen ordentlichen Internetwahlkampf schlicht zu alt sind?
Nein, sie sind nur zu mutlos und sie nutzen die Chance nicht dieses Medium richtig zu nutzen. Sie experimentieren zu wenig damit herum und sie nutzen alles nur nach einer beliebigen Blaupause. Sie twittern am liebsten nur über die berühmte Bratwurst, also lieber: “Ich esse jetzt eine Bratwurst” – und das interessiert mich als potentiellen Wähler natürlich überhaupt nicht, wenn auch die restlichen Tweets relativ politikfrei sind.
Was sollten die Politiker stattdessen bei Twitter transportieren?
Wenn ich dort einem Politiker folge, möchte ich eigentlich wissen wofür er steht. Im Idealfall beantworten sie mir auch meine Fragen. Das müssen sie natürlich nicht bei jedem machen, aber sie sollten mehr Dialogbereitschaft zeigen als sie das aktuell tun. Im Moment senden sie alle nur und reagieren sehr wenig auf das Zurücksenden.
Lassen Sie uns doch mal in die Zukunft blicken: was wird sich zur nächsten Bundestagswahl im Netzwahlkampf ändern?
Es kann gut sein, dass das Internet in 4 Jahre das Leitmedium überhaupt sein wird. Im Moment ist es noch so, dass die 30-40-jährigen sich überwiegend im Fernsehn, in der Zeitung und dem Radio informieren, aber die unter 30-jährigen schon zu über 70% primär im Netz. Das wird sich radikal ändern und auch die Älteren werden sich zu großen Teilen im Internet informieren. Wahrscheinlich werden wir ein ganz anderes Mediensystem haben, das viel mehr so genannte “Gatekeeper” hat. Also nicht nur die wenigen bekannten Medienmarken wie im Moment, sondern viel mehr Blogs, viel mehr Informationsquellen und immer mehr Menschen die wichtige Knotenpunkte in sozialen Netzwerken bilden. Diese neue Medienlandschaft, bzw. diese neue Kommunikationslandschaft stellt vollkommen neue Rahmenbedingungen für Kampagnen im Netz dar.
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16:25
Sie verschweigen leider, dass es zumindest EINE Partei gibt, die das Internet sehr wohl für ihre Aktivitäten einsetzt und einen nicht zu unterschätzenden Erfolg damit hat. Momentan erscheint die Piratenpartei bei dem von Ihnen genannten “Ü30″-Publikum als jugendlicher Medienhype – aber Sie haben völlig recht: Die medialen Veränderungen werden sich entscheidend und positiv auf unsere Demokratie auswirken, hin zu einer informierten Öffentlichkeit, die Politik eben nicht mehr nur “im Fernsehen betrachten” will. Unverzichtbar ist deshalb vor allem die Freiheit dieses neuen Mediums – ohne Zensur und Vorratsdatenspeicherung!