Anlässlich der anstehenden Bundestagswahl wollen wir von der “Sendung mit dem Internet” in den kommenden Wochen die Wahlprogramme der Parteien beleuchten: Was planen die Parteien für die Generation Internet? Wie sind die Positionen zu Urheberrechtsfragen, Internetsperren und Datenschutz? Im zweiten Teil der Serie haben wir das Programm der Grünen unter die Lupe genommen.
Schon auf den ersten Blick bestätigen die Grünen ein Vorurteil: Während sich die CDU auf 65 Seiten zu ihren Standpunkten äußerte, haben die Grünen dafür 221 Seiten gebraucht. Aber dafür haben sie auch ein fünfseitiges Kapitel über das Internet drin. Und sogar im Vorwort sprechen sich die Grünen schon für das Ende des Speicherns von Daten auf Vorrat und Verdacht aus und sagen, dass sie die Partei der Freiheit des Internets sind.
Aber auch abseits des Internetkapitels taucht das Netz auf: Im Kapitel “Anders wirtschaften” wird eine neue Kultur der Selbstständigkeit (Exzellente Bedingungen für Tüftler, Existenzgründer, mehr Innovationsklima) gefordert, genauso wie eine solidarische Ökonomie und einer kreative Wirtschaft (Unterstützung der Open-Source- und Freie-Software-Bewegung). Und auch bei der Steuererklärung setzen die Grünen aufs Internet und fordern, dass die elektronische Steuererklärung für alle Betriebssyteme, insbesondere auch
“Open-Source”-Betriebssysteme, zur Verfügung gestellt wird. Im Kapitel “Anwälte der Bürgerrechte” findet das Netz genauso Erwähnung (“Nein” zur heimlichen Computerausforschung und zur Vorratsdatenspeicherung). Oder im Kapitel “Vorsicht Kultur”: Unabhängigkeit und Vielfalt
der Medien, Stärkung von Bürgermedien, Offenen Kanälen und Blogs und Internet-Breitbandzugang für alle werden dort gefordert. Pressefreiheit müsse auch für Blogs und Foren gelten, Meinungsvielfalt und Unabhängigkeit. Das 13. Kapitel widmet sich dann noch einmal kompakt unter dem Titel “Digital ist besser – für ein freies Internet” dem Netz. Zu allererst fällt auf: Die Grünen scheinen in ihren Reihen ein paar einflussreiche Junge zu haben. Denn da wird erkannt, dass wir uns in einem neuen Zeitalter befinden, mit neuen Möglichkeiten der Kommunikation, Vernetzung und Information. Zusammenfassend die Positionen der Grünen zu den wichtigsten Themen im Überblick.
1. Breitbandversorgung: Da es keine digitale Spaltung der Gesellschaft geben darf, sind auch die Grünen für eine flächendeckende Breitbandversorgung. Allerdings gehen sie noch einen Schritt weiter und setzen sich für ein System öffentlicher W-Lan-Zugänge ein.
2. Freiheit im Netz: Immer wieder betonen die Grünen, wie wichtig die Freiheit im Netz ist. Weil sie wollen, dass möglichst jeder das Internet nutzen kann. Die zentralen Forderungen: Förderung von freien Formaten, Creative Commons, freie Software, Open Access, offene, patentfreie Standards, gleiche Datenformate. Die Grünen sind gegen Internetsperren, Filterung des Datenverkehrs – also gegen alles, was die Freiheit der Internetkultur einschränkt.
3. Internetsperren: Die Grünen sind gegen solche Sperren, weil diese “rechtsstaatlich und technisch unverantwortlich” seien. Ihre Strategie: eine bessere technische Ausstattung der Behörden, mehr Fachkräfte, eine schärfere Verfolgung der Täter vor allem durch weltweite Standards und eine bessere internationale Zusammenarbeit. Statt Sperren setzen die Grünen auf die Löschung von strafrechtlich relevanten Inhalten und wollen, dass ein neutrales Medium dieses Vorgehen steuert und filtert.
4. Datenschutz: Stärkerer Datenschutz geht nur mit mehr Medienkompetenz. Deshalb setzen die Grünen auf Aufklärung insbesondere bei Kindern und Jugendlichen. Es muss laut den Grünen möglich sein, sich anonym im Netz bewegen zu können. Außerdem sollen Speicherfristen auf ein Minimum verkürzt werden und das Recht auf umfangreiche Datenauskunft festgeschrieben werden. Mit den Grünen soll es keine Pflicht zur pauschalen Übertragung von Rechten am eigenen Bild, Text oder Video – wie in manchen sozialen Netzwerken üblich – geben.
5. Medienkompetenz: Muss gefördert werden. Bei Kindern und Jugendlichen, aber auch bei Erwachsenen.
6. Internet als Wirtschaftsfaktor: Die Grünen wollen die digitalen Entwicklungen fördern, weil sie der Meinung sind, dass Open-Business-Modelle, wie die Freie-Software-Branche, zukunftssichere Arbeitsplätze und nachhaltige Innovationen schaffen. Die Grünen wollen eine Strategie entwickeln wie die Kreativ- und Digitalwirtschaft gefördert werden kann, wie etwa durch eine Aufname in die Künstlersozialversicherung.
7. Urheberschutz: Die Grünen wollen das Urheberrecht reformieren. Wie diese Reform genau aussehen wird, bleibt unkonkret. Die Grünen finden, das geistige Werke vergütet werden sollten. Eine Lösung können pauschale Vergütungsmodelle sein. Wichtig ist ihnen die freie digitale Privatkopie und eine faire Lösung beim Urheberrecht im Internet. Keine pauschale Kriminalisierung. Eine Lösung könnte für die Grünen die Kulturflatrate sein.
8. IT-Technologie: Die Grünen setzen sich für eine nachhaltige Technik, Schadstofffreiheit, Recyclingfähigkeit, niedriger Stromverbrauch ein und wollen, dass die Techniken und Technologien keine Gesundheits- und Umweltschäden mit sich bringen.
9. Verbraucherschutz im Internet: Die Grünen wollen die Verbraucherrechte auch in der digitalen Welt gewährleisten. Klare Kennzeichnung von kostenpflichtigen Angeboten, ein ordentliches Gewährleistungs- und Widerrufsrecht, ordentliche Speicherung und Verarbeitung von persönlichen Daten.
10. Netz als Chance für die Demokratie: Die Grünen sehen im Internet die Möglichkeit, der Demokratie “frischen Wind einzuhauchen”. Direkter Dialog, transparente Prozesse, mehr E-Demokratie, weniger Bürokratie.
Über das Programm der Grünen sprechen wir am Montag mit dem Grüne-Bundesvorstand Malte Spitz in der “Sendung mit dem Internet”. Haben Sie Fragen? Wollen Sie was konkreter wissen? Dann schreiben Sie uns!
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“Die Grünen sind gegen Internetsperren”
Das finde ich jetzt etwas seltsam, wo doch gerade die Aussagen von Matthias Güldner in dieser Hinsicht gerade für viel Wirbel unter netzpolitisch Interessierten sorgen.
Auf seiner Website und in einem Gastbeitrag für Welt Online hat er sich für die Netzsperren ausgesprochen:
http://www.debatte.welt.de/kommentare/144723/zur%20unertraeglichen%20leichtigkeit%20des%20internet
Anders als die anderen im Bundestag vertretenen Parteien (mit Ausnahme der Piraten) scheinen mir aber die Grünen immerhin die Bedeutung der Netzpolitik erkannt zu haben.
Ich sehe gerade, Malte Spitz hat sich schon von Güldner distanziert: http://twitter.com/maltespitz/status/2856601894
Hallo!
Die Grünen schreiben und reden häufig viel gutes. Die Frage ist, erinnern sie sich noch daran, wenn sie in Regierungsverantwortung sind. Beispiel: Die Grünen galten lange Zeit das DIE Friedenspartei. Die ersten Bomben die von Deutschen nach dem zweiten Weltkrieg abgeworfen wurden, wurden unter grüner Regierungsbeteiligung im ehemaligen Jugoslawien abgeworfen.
Papier ist geduldig, besonders das auf dem Parteiprogramme gedruckt sind.